
Warum ihr längst wisst, wie man mit KI spricht
Hallo ihr Lieben,
kennt ihr diesen Moment? Ihr tippt eine Frage in ein KI-Tool, drückt auf Senden, wartet drei Sekunden, und dann kommt ein Text, der… nett ist. Sauber formuliert, freundlich, vollkommen korrekt. Und trotzdem denkt ihr: Das ist nicht meins. Das passt nicht zu unserem Haus, nicht zu unseren Familien, nicht zu dem, was ich eigentlich sagen wollte.
Ich höre das in fast jeder Fortbildung, in der es um KI-Prompts für die Kita geht. Und fast immer folgt derselbe Satz hinterher:
„Ich glaube, ich kann das einfach nicht, dieses Prompten.“
Dazu möchte ich euch heute etwas sagen, das euch vielleicht überrascht: Ihr könnt das längst. Ihr habt es nur noch nie auf ein Eingabefeld angewendet. Denn das beste Werkzeug für gute KI-Prompts für die Kita liegt bei den meisten von euch seit Jahren im Fortbildungsordner. Es heißt Schulz von Thun.
Das Modell, das ihr aus dem Elterngespräch kennt
Friedemann Schulz von Thun hat gezeigt: Jede Nachricht hat vier Seiten. Wir kennen das aus der Teamsitzung und aus dem Tür-und-Angel-Gespräch mit Eltern.
- Die Sachseite sagt, worum es geht.
- Die Selbstoffenbarung verrät, wer ich bin und wie meine Lage ist.
- Die Beziehungsseite zeigt, wie wir zueinander stehen.
- Der Appell sagt, was passieren soll.
Und jetzt kommt der Trick: Wenn ihr einen Prompt schreibt, seid ihr die Senderin. Die vier Seiten sind eure Checkliste. Die meisten Prompts, die floppen, enthalten nämlich nur eine einzige davon.
1. Die Sachseite: Worum geht es überhaupt?
Das ist die Seite, die alle schon können. Sie ist der Auftrag, nackt und klar:
„Schreib einen Elternbrief zur Anmeldung für unseren Waldtag.“
Fertig. Und genau deshalb bekommt ihr einen Elternbrief zurück, der aussieht wie aus dem Ordner „Elternbriefe, allgemein“. Die KI kennt nur den Auftrag. Sie kennt euch nicht.
2. Die Selbstoffenbarung: Wer bin ich, was ist meine Lage?
Hier passiert der größte Qualitätssprung. Das ist der Teil, den wir Menschen im Gespräch automatisch mitliefern, über Tonfall, Gesicht, gemeinsame Geschichte. Ein Eingabefeld hat davon nichts.
Also erzählt es:
„Ich bin Erzieherin in einer viergruppigen Einrichtung. Wir machen den Waldtag zum ersten Mal. Unsere Elternschaft ist sprachlich sehr gemischt, viele Familien sprechen zu Hause kein Deutsch. Einige Eltern sind unsicher, ob ihr Kind bei Regen draußen richtig aufgehoben ist.“
Spürt ihr den Unterschied? Aus einem Standardbrief wird ein Brief für euer Haus.
Und hier kommt die wichtigste Leitplanke dieses ganzen Beitrags: Beschreibt eure Situation, niemals eure Kinder. Keine Namen, keine Geburtsdaten, keine Diagnosen, keine Herkunftsangaben einzelner Familien, keine Angaben über Kolleg:innen. „Unsere Elternschaft ist sprachlich gemischt“ ist eine Rahmenbedingung. „Die Familie von L. aus der Sonnengruppe“ ist eine personenbezogene Angabe, und die gehört in keinen Prompt. Nutzt im Zweifel datenschutzfreundliche Werkzeuge wie fobizz und klärt die Freigabe mit eurem Träger.
3. Die Beziehungsseite: Wie arbeiten wir zusammen?
Diese Seite regelt, in welcher Haltung die KI antworten soll. Und hier liegt ein Werkzeug, das ich sehr schätze: die Rolle.
Eine Rolle könnt ihr immer dann einsetzen, wenn ihr steuern wollt,
- in welchem Stil geschrieben wird,
- welche Perspektive eingenommen wird, zum Beispiel pädagogisch, fachlich oder bewusst niedrigschwellig,
- welche Qualitätsmaßstäbe angelegt werden.
Drei Situationen, in denen sich das besonders lohnt:
Wenn ihr fachliche Qualität sichern wollt.
„Handle als erfahrene Frühpädagogin und erstelle eine Spielidee für 3-jährige Kinder, die Bewegung und Sprache verbindet.“
Die Ergebnisse werden spürbar praxisorientierter.
Wenn der Stil wichtig ist.
„Bitte antworte wie eine erfahrene Kita-Leitung, die Eltern freundlich und klar informiert.“
Die KI schreibt dann deutlich weniger blumig.
Wenn ihr Fachstandards einfordert.
„Handle als Coach für projektorientiertes Arbeiten nach dem Bayerischen Bildungs- und Erziehungsplan.“
Die Antworten orientieren sich dann an den Leitlinien des BEP: Partizipation, Ko-Konstruktion, Lebensweltbezug.
Und jetzt der Satz, den ich in meinen Fortbildungen immer dazusage: Die Rolle steuert die Richtung. Sie ersetzt nicht eure Prüfung. Ein System, das ihr zur Expertin ernannt habt, wird nicht klüger. Es wird passender. Und damit auch überzeugender.
Deshalb gehört zur Rolle immer ein zweiter, überprüfbarer Auftrag dazu:
- „Widersprich mir, wenn etwas fehlt.“
- „Nenne mir drei Gründe, warum dieser Plan im Alltag scheitern könnte.“
- „Sag mir, welche Information dir fehlt, statt sie zu erfinden.“
Rolle plus Prüfauftrag: Das ist das Paar, das wirklich trägt.
4. Der Appell: Was soll konkret passieren?
Der Appell ist die Seite, an der die meisten Prompts verhungern. Er regelt Form, Umfang, Ton und Reihenfolge:
„Frag mich zuerst, was dir noch fehlt, bevor du schreibst. Dann gib mir drei Varianten, maximal 150 Wörter, einfache Sprache, kein Behördendeutsch.“
Dieser erste Halbsatz ist übrigens mein persönlicher Liebling. Dazu gleich mehr.
Die Bruchstelle: Die KI hat diese vier Ohren nicht
Und jetzt der Punkt, der mir am meisten am Herzen liegt.
Bei uns Menschen entstehen Missverständnisse, weil die Empfängerin mit einem anderen Ohr hört, als die Senderin gesendet hat. Wir kennen das: Ich sage „Der Gruppenraum ist unordentlich“, und meine Kollegin hört einen Vorwurf.
Die KI hat diese vier Ohren nicht. Sie hört überhaupt nicht. Sie rechnet Wahrscheinlichkeiten.
Daraus folgt etwas sehr Praktisches: Sie wird euch nie von sich aus fragen, ob sie euch richtig verstanden hat. Kein Stirnrunzeln, kein „Wie meinst du das?“, kein Nachhaken. Wenn ihr eine Rückfrage wollt, müsst ihr sie im Appell ausdrücklich einfordern. Sonst rät das System einfach, und es rät flüssig.
Dazu kommen zwei Dinge, die uns das Leben schwer machen:
- Die People-Pleaser-Dynamik: KI-Systeme widersprechen selten. Sie bestätigen eher euer Weltbild, als es herauszufordern. Wer sich nur Zustimmung abholt, hält das irgendwann für fachliche Bestätigung.
- Der soziale Radar unseres Gehirns: Wir sind darauf gebaut, soziale Signale zu erkennen. Auch dort, wo gar keine sind. Ein höflicher, warmer Textfluss fühlt sich für unser Gehirn nach Gegenüber an. Und wenn ich einem System vorher die Rolle „du bist meine Expertin“ gegeben habe, neige ich danach dazu, ihm auch zu glauben.
Die vier Seiten sind also keine Beziehung. Sie sind eine Packliste für euch als Senderin. Das Gegenüber bleibt leer.
KI-Prompts für die Kita: euer Prompt am Stück
So sieht das fertig zusammengesetzt aus:
„Handle als erfahrene Frühpädagogin. Schreib einen Elternbrief zur Anmeldung für unseren Waldtag. Ich arbeite in einer viergruppigen Einrichtung, wir machen den Waldtag zum ersten Mal, unsere Elternschaft ist sprachlich sehr gemischt. Widersprich mir, wenn etwas fehlt. Frag mich zuerst, was dir noch fehlt, bevor du schreibst. Dann drei Varianten, maximal 150 Wörter, einfache Sprache.“
Fünf Sätze. Keine Geheimformel, keine Prompt-Datenbank, kein Kurs in Informatik. Nur das, was ihr im Elterngespräch sowieso jeden Tag mitdenkt.
Das große ABER
- Keine personenbezogenen Daten. Kein Kindername, keine Diagnose, keine Familiensituation. Die Situation beschreiben, nicht die Menschen.
- Prüfen bleibt Pflicht. Jeder Entwurf geht durch euren fachlichen Filter. Ist er korrekt? Wertschätzend? Passt er zu unserer Haltung?
- Die Rolle steuert, sie garantiert nicht. „Handle als erfahrene Frühpädagogin“ verbessert die Richtung, nicht die Verlässlichkeit.
- Pädagogische Entscheidungen bleiben bei euch. Immer. Ohne Ausnahme.
Mein Herzens-Fazit
Prompten ist keine Technikkompetenz. KI-Prompts für die Kita sind keine neue Disziplin, sondern eine alte Kompetenz in einem neuen Eingabefeld. Prompten ist Kommunikationskompetenz, und die habt ihr gelernt, geübt und tausendfach im Flur angewendet. Der einzige Unterschied: Euer Gegenüber hat diesmal keine Ohren. Also müsst ihr alles mitliefern, was sonst zwischen den Zeilen mitschwingt.
Und genau das ist die gute Nachricht: Ihr fangt nicht bei null an.
Wenn ihr danach klären wollt, wer bei euch im Haus welche KI-Entscheidung überhaupt trifft, schaut euch das Ebenenmodell an: Digitale Kompetenz für Kitas, das Ebenenmodell
Und wenn ihr wissen möchtet, wo euer Team beim Thema KI gerade steht, macht den kostenlosen KI-Check Kita. Die Selbstevaluation schaut sich sechs Felder an und gibt euch am Ende ein Kompetenzprofil eurer Einrichtung.
Ihr wollt tiefer einsteigen?
Ihr wollt das gemeinsam üben? In meinem Webinar „KI für Kitas“ schauen wir uns genau das an: eure eigenen Prompts, eure echten Aufgaben aus dem Alltag, Schritt für Schritt und immer mit dem pädagogischen Kompass in der Hand. Alle Infos findet ihr hier: susannebeckers.de/ki-kompetenz
Jetzt bin ich neugierig: Welche der vier Seiten lasst ihr bisher am häufigsten weg? Ich wette, es ist die Selbstoffenbarung.
Bleibt neugierig und behaltet das Herz am rechten Fleck!
Herzlichst,
Eure Susanne
