
Das Ebenenmodell bringt Ordnung in eure KI-Frage
Hallo ihr Lieben,
es gibt einen Moment in fast jeder meiner Fortbildungen, den ich inzwischen kommen sehe, bevor er passiert. Wir sprechen über KI, die Stimmung ist gut, die ersten Ideen fliegen durch den Raum, jemand erzählt begeistert vom Elternbrief, der plötzlich in zehn Minuten fertig war. Und dann meldet sich jemand aus der letzten Reihe und sagt den einen Satz:
„Ja schön. Aber dürfen wir das überhaupt?“
Und dann wird es still. Nicht, weil die Frage unangenehm wäre. Sondern weil niemand im Raum genau weiß, wer sie eigentlich beantworten muss. Die Fachkraft, die das Tool nutzt? Die Leitung, die den Rahmen setzt? Der Träger, der am Ende unterschreibt?
Diese Unklarheit kostet euch mehr Kraft als das ganze Thema KI zusammen. Ich erlebe Teams, die monatelang über ChatGPT diskutieren, ohne einen einzigen Schritt zu gehen. Nicht aus Ablehnung. Sondern weil sich niemand traut, eine Entscheidung zu treffen, für die er vielleicht gar nicht zuständig ist.
Genau dafür habe ich das Ebenenmodell „Digitale Kompetenz für Kitas“ gebaut. Es hängt seit Kurzem auf meiner Seite, es ist kostenlos, und ihr dürft es ausdrucken und in eure Teamsitzung hängen: zu den Schaubildern

Warum vier Ebenen und keine Checkliste
Mein erster Impuls war ehrlich gesagt eine Liste. Zehn Punkte, abhaken, fertig. Ich habe es verworfen, und zwar aus einem Grund, den ihr aus der Praxis kennt: Eine Liste suggeriert, dass eine Person alles abarbeiten kann. Genau das stimmt hier nicht.
Digitale Kompetenz ist keine Frage der Ausstattung. Nicht das Haus mit den meisten Tablets ist das kompetenteste. Digitale Kompetenz entsteht in einem Zusammenspiel aus vier Ebenen, und jede hat ihre eigene Leitfrage:
- Das Kind. Was braucht es in einer digital geprägten Welt?
- Die Fachkraft. Wie übersetzt sie den Bildungsauftrag in Praxis?
- Die Leitung. Wie entsteht der Rahmen für ein lernendes Team?
- Der Träger. Was bleibt im Team, und was gehört nach oben?
Keine dieser Ebenen funktioniert allein. Und keine kann die Arbeit einer anderen erledigen. Das klingt selbstverständlich, ist es im Alltag aber überhaupt nicht.
1. Das Kind steht in der Mitte, auch wenn es kein Tool anfasst
Ganz oben im Schaubild steht das Kind, und ich weiß, dass an dieser Stelle bei manchen die Kita-Antennen ausschlagen. Muss ein Dreijähriger mit KI arbeiten? Nein. Ganz klar nein.
Diese Ebene meint etwas anderes. Sie fragt, was Kinder brauchen, um in einer Welt aufzuwachsen, in der Bilder generiert und Stimmen nachgemacht werden können. Und die Antwort darauf ist erstaunlich analog: das Kind ganzheitlich stärken, Bildungschancen erweitern, Partizipation erlebbar machen, Medienkompetenz altersgerecht entwickeln, kreativ und neugierig mit Medien umgehen, Werte leben und darüber sprechen.
Das Kind ist im Modell nicht die Nutzerebene. Es ist der Maßstab. Jede Entscheidung auf den drei anderen Ebenen muss sich daran messen lassen, ob sie diesem Kind nützt. Wenn ein KI-Tool euch eine Stunde Schreibtischarbeit abnimmt und ihr diese Stunde im Gruppenraum verbringt, dann hat es sich für das Kind gelohnt. Wenn nicht, war es nur ein neues Spielzeug für Erwachsene.
2. Die Fachkraft übersetzt, sie entscheidet nicht allein
Auf dieser Ebene fühlen sich die meisten von euch zuhause, und hier passiert auch die eigentliche pädagogische Arbeit: Medienbildung planen und begleiten, Werkzeuge pädagogisch begründet einsetzen, Brücken zum Bildungsplan bauen, Vorbild sein und Haltung zeigen, Medien gemeinsam reflektieren, sich weiterbilden und im Team wachsen.
Der wichtigste Punkt für mich ist das „pädagogisch begründet“. Nicht „weil es geht“. Nicht „weil es schnell ist“. Sondern weil ihr sagen könnt, warum. Mein Leitgedanke in allen KI-Fortbildungen lautet deshalb: erst die Deutung, dann das Werkzeug. Die Beobachtung gehört euch. Die Interpretation gehört euch. Die Formulierungshilfe darf die KI übernehmen.
Und ganz wichtig: Auf dieser Ebene steht ausdrücklich nicht „Datenschutz klären“ und nicht „Tools freigeben“. Das ist kein Versehen. Das ist die Entlastung.
3. Die Leitung, die Ebene, die am häufigsten leer bleibt
Jetzt kommt der Teil, bei dem ich unbequem werde, und ich sage es trotzdem, weil ich es in fast jeder Einrichtung sehe.
Wenn ich in Teams frage, wer die Regeln für KI-Nutzung festgelegt hat, bekomme ich meistens Schulterzucken. Es gibt keine Regeln. Es gibt eine Praxis. Und die entsteht auf dem Flur, zwischen Tür und Angel, weil eine Kollegin etwas ausprobiert hat und es weitergibt.
Genau daraus entsteht das, was ich Schatten-KI nenne: Tools, die längst benutzt werden, über die aber nie jemand gesprochen hat. Nicht aus Böswilligkeit. Aus Überlastung.
Die Leitungsebene füllt diese Lücke: digitale Entwicklung strategisch steuern, Rahmenbedingungen im Haus schaffen, Beteiligung im Team organisieren, Leitplanken erarbeiten und sichern, Qualität sichern und entwickeln, Vernetzung und Kooperationen fördern.
Leitplanken sind dabei das Herzstück, und sie müssen nicht kompliziert sein. Drei Sätze reichen für den Anfang. Zum Beispiel: Wir nutzen KI ausschließlich für eigene Texte, niemals für Inhalte über einzelne Kinder. Wir geben keine Namen, keine Geburtsdaten und keine Fotos ein. Wir sprechen einmal im Quartal im Team darüber, was wir ausprobiert haben.
Diese drei Sätze schaffen mehr Sicherheit als jede Fortbildung. Und sie kosten eine halbe Teamsitzung.
4. Der Träger, und was ihr euch getrost sparen könnt
Die unterste Ebene ist die, die am meisten Druck von euren Schultern nimmt: Ressourcen und Rahmen bereitstellen, Datenschutz und IT-Sicherheit sichern, KI-Tools prüfen und freigeben, Qualifizierung sichern, Qualität sichern und entwickeln, Innovation verantwortungsvoll fördern.
Lest den dritten Punkt bitte noch einmal. KI-Tools prüfen und freigeben ist Trägeraufgabe. Es ist nicht eure Aufgabe als Fachkraft, die Auftragsverarbeitungsvereinbarung eines amerikanischen Anbieters zu bewerten. Es ist nicht eure Aufgabe, zu beurteilen, ob ein Server in Frankfurt oder in Virginia steht. Ihr dürft diese Frage stellen, und ihr müsst sie weitergeben.
Das ist keine Bequemlichkeit. Das ist eine korrekte Zuständigkeitsverteilung, und sie schützt euch.
Das große ABER: Das Modell ist kein Abschiebebahnhof
Und jetzt die Warnung, die mir am wichtigsten ist, weil ich genau diesen Effekt schon erlebt habe.
Sobald ein Team eine saubere Ebenen-Trennung in der Hand hält, entsteht ein Reflex. „Das ist Trägersache.“ Und schon liegt die unbequeme Frage woanders, und im Haus passiert genau nichts mehr. Aus einem Klärungsinstrument wird ein Abschiebebahnhof.
Deshalb gehören zu jeder Weitergabe nach unten zwei Dinge: ein Datum und ein Name. Also nicht „das klären wir mal mit dem Träger“, sondern „Frau Müller fragt bis zum 15. beim Träger an, ob Fobizz freigegeben ist, und berichtet in der Teamsitzung danach“. Alles andere versandet.
Und die roten Linien gelten unabhängig von jeder Ebene:
- Keine personenbezogenen Daten. Keine Namen von Kindern, Familien oder Kolleg:innen in ein KI-Tool. Auch nicht abgekürzt, auch nicht „nur der Vorname“. Schreibt „ein Kind, drei Jahre“ und setzt den Namen hinterher selbst ein.
- Keine Fotos, keine Sprachaufnahmen von Kindern in externe Tools hochladen.
- Der Mensch bleibt zuständig. Jedes Ergebnis wird geprüft, bevor es das Haus verlässt.
- Beziehung ist nicht delegierbar. KI ist ein Werkzeug für euch, nicht für die Kinder.
Wenn ihr datenschutzfreundlich starten wollt, ist eine Lösung mit Auftragsverarbeitungsvereinbarung und Serverstandort in der EU wie Fobizz meist der einfachere Weg als ein privater ChatGPT-Zugang. Die Freigabe holt ihr euch trotzdem beim Träger.
So arbeitet ihr in 45 Minuten damit
Ihr braucht das Schaubild in groß, vier leere Plakate und eine Teamsitzung. Mehr nicht.
- Schaubild aufhängen, vier Plakate daneben, je eines pro Ebene.
- Von oben nach unten durchgehen. Zu jeder Leitfrage sammelt ihr zwei Spalten: Was läuft bei uns schon? Was fehlt?
- Sortieren. Jeder offene Punkt bekommt eine Markierung: entscheiden wir selbst, oder braucht es den Träger?
- Drei Punkte auswählen, die ihr selbst entscheiden könnt. Nicht zehn. Drei.
- Namen und Daten vergeben, auch für die Trägerfragen.
Am Ende habt ihr zwei Listen und eine spürbare Erleichterung. Denn die meisten Teams stellen fest, dass sie deutlich mehr selbst entscheiden dürfen, als sie dachten, und dass genau zwei oder drei Punkte wirklich nach oben gehören.
Das Schaubild gibt es bei mir als PDF in DIN A1 und als Bilddatei zum Herunterladen: Digitale Kompetenz für Kitas, das Ebenenmodell
Und wenn ihr vorher wissen möchtet, wo euer Team gerade steht, macht den kostenlosen KI-Check Kita. Die Selbstevaluation schaut sich sechs Felder an und gibt euch am Ende ein Kompetenzprofil eurer Einrichtung.
Ihr wollt tiefer einsteigen?
In meinem Webinar „KI für Kitas“ gehen wir genau diesen Weg gemeinsam: von der Frage „dürfen wir das überhaupt“ hin zu konkreten Anwendungen, die ihr am nächsten Tag ausprobieren könnt. Mit Blick auf Datenschutz, mit Blick auf eure Rolle, und immer mit dem pädagogischen Kompass in der Hand. Alle Infos findet ihr hier: susannebeckers.de/ki-kompetenz
Und jetzt bin ich neugierig: Welche der vier Ebenen ist bei euch im Haus am schwächsten besetzt? Ich tippe auf die Leitung, aber vielleicht liege ich ja falsch, und ich würde mich freuen, das zu hören.
Bleibt neugierig und behaltet das Herz am rechten Fleck.
Herzlichst,
Eure Susanne
